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Unitagung Kriegslandschaften – Erinnerungsorte

Die Universität Hamburg und der Volksbund der Deutschen Kriegsgräberfürsorge eV veranstalteten Ende März eine umfassende wissenschaftliche Tagung im Bestattungsforum Ohlsdorf zu dem Thema Erinnerungsorte – Kriegslandschaften. Welche Relevanz hat das Thema für uns Hamburger? Die ergibt sich durch die Massentötung in den beiden industrialisierten Kriegen, erster und zweiter Weltkrieg. Im ersten Weltkrieg starben 2.037.700 Soldaten und 960.000 Zivilisten. Gleichzeitig wurden 4.216.058 Soldanten verwundet. Im zweiten Weltkrieg starben 5.180.000 Soldaten und 1.170.000 Zivilisten. Damit haben die Kriege in den Familiensystemen in Deutschland und in Hamburg tiefe Riefen und Risse hinterlassen. Quasi in jeder Deutschen Familie sind Geschichten von Verschollenen und Getöteten zu finden. Daher ist es sinnvoll sich mit Erinnerungsorten für Gefallenen zu beschäftigen, denn aus Sicht der Trauerbegleitung wissen wir, dass konkretisierte Trauerorte eminent wichtig sind, für eine Verankerung der Trauer. Es fragt sich allerdings, wie die optimale Form des Totengedenkens und Erinnerns zu schaffen ist. In Hamburg wurde zu dem recht massiven Gedenkstein am Dammtor einen Gegendenkmal des inzwischen verstorbenen Wiener Bildhauers Alfred Hrdlicka aufgestellt.

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In den Grußworten sprach Lutz Rehkopf, Pressesprecher des Ohlsdorfer Friedhofs von „Urkunden des Schreckens“ bei der Beschreibung von Kriegsdenkmälern. Anschließend sprach Markus Meckel, Präsident Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Markus Meckel ist eine Person der Zeitgeschichte, denn in der Übergangs- und Wandlungszeit der DDR war er Außenminister. In seiner politischen Laufbahn hat er sich sehr verdient gemacht um die deutsch-polnischen Beziehungen und ist mit dem Kommandeurkreuz mit Stern des Verdienstordens der Republik Polen ausgezeichnet worden. Die Aufgaben des Volksbundes bestehen nicht nur in der Kriegsgräberfürsorge, sondern vor allen Dingen in der Friedensarbeit mit Jungendgruppen und der Völkerverständigung. Herr Meckel lobte diese Tagung, die auch eine neue Verbindung des Volksbundes zur Wissenschaft deutlich macht. Die gleiche Verbindung wird auch für den Friedhof Ohlsdorf als Teil der Hamburger Friedhöfe AöR geschaffen. Als der größte Parkfriedhof der Welt ist es auch eine schöne Ebenenneugewinnung, die Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm herauszuholen und den Anschluß in die Lebenspraxis zu suchen. Das zeigte sich auch an der ersten Pulbikumsfrage, die von einem Mitarbeiter der Geschichtswerkstätten gestellt wurde. Er wollte von dem Kunstgeschichtsprofessor wissen, wie man mit dem national angehauchten Architekturwerken umgeht und ob es nicht richtig sei, eine positionierende Stellungnahme am Denkmahl zu schaffen. Dr. Nele Maya Fahnenbruck ließ verlauten, dass der Volksbund gerade an einer wisschaftlichen Aufarbeitung dieser Problematik arbeitet, denn es soll auf der einen Seite das historische zeitbedingte Bauwerk bewahrt werden, aber gleichzeitig eine moderne Einordung möglich sein, die den ursprünglichen, kriegsverherrlichenden Aussagecharakter bricht.

Beleuchtet wurden im ersten Vortrag der Münchner Kunsthistorikers Prof. Christian Fuhrmeister die im 20 Jahrhundert entstandenen Totenburgen. Totenburgen sind besondere Bauten, die ein Zentralisationspunkt des Totengedenkens für die gefallenen Soldaten darstellt. Nach dem ersten Weltkrieg entstand der Volksbund der Kriegsgräberfürsorge, dessen Aufgabe darin bestand Erinnerungsorte zu schaffen. Nach Art 226 Versailles Vertrages wurde das Recht eingeräumt auf ehemaligen Feindesland solche Orte zu erschaffen, aber nicht höher als 3 Meter. Im Kriegsgeschehen wurden oftmals Holzkreuze aus „weichen“, sprich günstigen Holz genutzt. Da tendenziell das Totengedenken auf Ewig bewahrt werden sollte, wurden das weiche Holz durch hartes Holz ersetzt und ab 1926 auch das Konzept der Totenburgen erdacht. Die Anleihen an die mittelalterliche Schutz- und Trutzburg sind unübersehbar. Besonderes Kennzeichen ist eine Abgrenzung zum Außen, der Außenwelt und gleichzeitig gibt es keine großen Toreingänge oder Lichttunnel, sondern nur kleine Einlassstellen / Eingänge, als ob ein magischer Kreis als geistiger Schutz der „Kriegshelden“ im Ausland geschaffen werden sollte. Durch diese Gestaltung werden zwangsweise Gespräche unterbrochen, weil man nur alleine eintreten kann. Prof Fuhrmeister zeigte auch, dass einzelne Totenburgen über gar keine Zuwegung verfügten und der Eingang gar nicht auf einer Sichtachse von der öffentlichen Straße positioniert ist. Hier wird fassbar, dass dieses monumentalen Bauwerke vielleicht auch nur als herorisches, machtfülle symoblisierendes Sinn- und Erinnerungszeichen des Krieges für sich stehen, und gar keinen praktisch nutzbaren Gedenkort darstellen wollen.  Immerhin gibt es idR in solchen Totenburgen ein Totenbuch, in dem die Gefallenen aufgelistet sind, aber eigentlich soll summarisch gedacht werden und damit wird einer Entindiviudaliserung vorschub geleistet, die die Schmerzen der einzelnen Familienzusammenhänge ausblendet.

Allerdings sollte hier nicht nur der Toten würdevoll gedacht werden, sondern auch gleichzeitig eine Verehrung der „Helden“ durch die bauliche Transformation des Todes gezeitigt werden und damit eine Hervorhebung über den Durchschnittsmenschen, einer Nobilitierung des Verlustes der unverbrauchten Lebens durchgeführt werden. Selbstrechtferigungsgründe für das Handeln im Krieg und den Verlust in den Familiensystemen positiv zu gestalten ist ein Teil der elaborierten Erinnerungskultur in den 20er Jahren, die noch untermauert wird durch Nebelaktionen wie der „Dolchstoßlegende“. Sehr spannend war auch der Gedanke der Einordnung von Kriegen. Die Menschen damals nahmen Kriege eher als Naturkatastrophe war, denen es, gottgewollt, stand zuhalten galt. Heutzutage wird dezidiert geforscht nach den Kriegstreibern und Verantwortlichen, z.B. „Die Schlafwandler“ des britischen Historikers Prof.Christoph Clark.  Gleichzeitig musste eine Begründungsebene geschaffen werden, dass eine ganze Generation von jungen Männern in dem industrialisierten ersten Weltkrieg traumatisiert wurden, bzw. umgebracht worden sind. Die Verluste der Deutschen im 1. Weltkrieg beliefen sich auf mehr als 3 Millionen Todesfälle, In den Archiven des Volksbundes sind interessante Dokumente zu finden aus den 20er Jahren, die Veranstaltungen von Kriegswitwen dokumentieren, die sich mit Kulturveranstaltungen trösteten. Das Besondere ist  hier die Verbindungsebene der Kriegsopfer, die letztendlich bis in die 30er Jahre fortgeführt wurde.

Historisches Vorbild der Totenburgen im 20. Jahrhundert ist Castel del Monte in Italien, vom Stauffer Kaiser Friedrich II 1250 erbaut. Erinnerungslinien ins Mittelalter zu schaffen impliziert eine subkutane Rechtfertigungsebene für die Normalität des Krieges, der seit Jahrtausenden die Menschheitsgeschichte begleitet. Im 21. Jahrhundert sehen wir Kriege sehr viel kritischer und der Gedanke des Militärs Carl von Clausewitz „Krieg ist die Forsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln“  wird heute nicht mehr gelehrt als Maxime des Handelns. Nach einer angeregten Fragestunde, die von Frau Dr. Anna-Maria Götz, moderiert wurde, kam es im Anschluß noch zu einem regen Austausch zwischen den Historikern, Vökerkundlern und Praktikern. Vielleicht sind hier schon neue Gedankenspuren für eine neue, entheroisierende Erinnerungskultur gelegt worden..

Die Veranstaltung zur Erinnerungskultur wurde ins Leben gerufen von:  Dr. Nele Maya Fahnenbruck, Prof. Dr. Norbert Fischer, Dr. Anna-Maria Götz, Prof. Dr. Sabine Kienitz, Prof. Dr. Franklin Kopitzsch  (hw, 30.3.15)

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Am zweiten Tag des Gedankenversammlungsraumes sprachen unterschiedlichste Wissenschaftler zu folgenden Themen:

  • Axel Zutz, Cottbus: Landschaftsarchitekturen des Krieges.
    Felix Koltermann, Berlin: Die Landschaft als Erinnerungsraum im Werk israelischer Fotografen
  • Gunnar Maus, Kiel: Praktiken ortsbezogenen Erinnerns. Eine Erkundung von Erinnerungslandschaften
    des Kalten Krieges am Beispiel von Vorbereiteten Sperranlagen
  • Frauke Brammer, Trier: Die räumliche Materialität der Erinnerung. Spuren kanadischer Militärbasen
    in der Bundesrepublik Deutschland
  • »Orte der Zerstörung – Zwangsarbeit« Thomas Irmer, Berlin: NS-Zwangsarbeit in Berlin –Erinnerung in der ehemaligen Rüstungsmetropole
  • Sina Sauer, Hamburg: Ein Ort stört. Relikte des Hannoverschen Bahnhofs zwischen Erinnerung und Stadtplanung
  • Akiko Takenaka, Lexington, KY: Ruins for Peace: Architectural Survivors of Hiroshima and Nagasaki
  • Agnieszka Gębczyńska-Janowicz, Danzig: The history of the Second World War embedded into the memorial landscape of

Nachdem Axel Zutz ausführlich berichtete über landschaftliche Strukturierungsprozesse beim Reichsautobahnbau, führte er aus, dass die Reichsanwälte für Landschaftsbau idealisierte Vorstellung einer belebten Natur hatten. Insbesondere in der Ostgebieten wurde gerne die Formel von Steppe verwandt, um eine Ermächtigungsgrundlage zu haben, die Umgestaltungsprozesse voranzubringen. Vorbild war die durch Hecken strukturierte Knick-Landschaft in Schleswig-Holstein.

Herr Maus befasste sich mit den Gedächtnisorten des „Kalten Krieges“ am Beispiel der Sperranlagen. Sperranlagen sind im Auftrag der NATO von der Bundeswehr tausendfach entlang des „eisernen Vorhangs“ gebaut worden, damit bei einer Ostinvasion die Bodentruppen gestoppt, rsp. verlangsamt werden.  6000 von diesen Sperranlagen sind im Zeitalter des „Kalten Krieges“ errichtet worden. Spannend ist, über welche Institutionen nunmehr Erinnerung in der Welt verankert wird. Vornehmlich private Gruppen leisten eine Kartierung und Erforschung. Da die Bundeswehr den Auftrag hat diese Relikte und Residuen zu beseitigen, können diese Formen von Bauwerken nur weiterleben, wenn sie unter Denkmalschutz gestellt werden. Auch eine Form, wenn auch spielerisch, ist das Geocaaching. Hier suchen Menschen in der Natur nach versteckten Schätzen. Oftmals verorten sich diese Schatzsuchen an solchen Sprenghäuschen, als magischer, mystischer Erinnerungsort, dessen vormalige Sprengkraft in der Regel den playern nicht wirklich deutlich wird. Weiteres Moment des Festhaltens sind digitale Kartierungen. Eine Sonderlichkeit dieser Erinnerungsorte besteht darin, dass sie im Grunde genommen der militärischen Geheimhaltung unterliegen und die Wallmeister der Bundeswehr nicht wirklich zum Erkenntnisinteresse beitragen dürfen. Persistenz wird in der Kulturgeschichte definiert als das Weiterbestehen von kulturellen Dingen oder Verhaltensweisen in einer späteren Kulturen. Insofern fragt sich, ob die Überlieferung uns für diesen Graubereich der militärischen Infrastruktur-Vereinnahmung nachhaltig genügend Anschauungsobjekte bereithalten wird. Immerhin sind in Bayern ein paar Trichtersperren unter Denkmahlschutz gestellt worden. Spannender Weise gab es selbst solche Sprengvorrichtungen im Elbtunnel, die ihn durch herabfallende Betonteile unpassierbar machen sollten.  Letztendlich sind historische Artefakte nicht immer auf Ewig bannbar und verschwinden mit dem Wandel der Zeit. Um so wichtiger ist es wenn sie zumindest in Archiven gebannt sind.

Einen hochspannenden, lichtvollen Vortrag hielt die Historikerin Frauke Brammer:“ Die räumliche Materialität der Erinnerung. Spuren kanadischer Militärbasen in der Bundesrepublik DeutschlandFrau Brammer beschreibt in ihrer Dissertationsforschungsprojekt die Verflechtungen der Canadischen Besatzungstruppen, die sich vornehmlich in Nord-Rhein-Westfahlen und im Schwarzwald niederließen und Fliegerstaffeln betrieben mit der Gesellschaft der BRD und dem Umgang mit der gelebten Vergangenheit in der Form von Gedächtnisorten, bzw. in einer Missachtung  von materialisierten Erinnerungspunkten. Die Canadier, immerhin 1.Mio innerhalb von 40 Jahren, beschreiben in der Rückschau die Zeit in der BRD als Sehnsuchtsort. Die Landschaft wird auch als märchenhaft wahrgenommen, wegen der Schlösser und Burgen.Während die Familien in einer relativen Abschottung in Deutschland lebten, ermöglichte der gute Wechselkurs einen hohen Lebenszuschnitt.  Für viele Canadier war die Stationierung in Deutschland ein positives Distinktionsmerkmal – frei nach dem Motto: wir sind die Auserwählten, Weltbürger mit Erfahrungshorizont. Auch wenn durch das Agieren der Truppen große Flurschäden angerichtet worden sind, so gab es ein gutes Auskommen und die Deutsch-Canadischen-Freundschaftsclubs haben sicherlich zu der einen oder anderen Familiengründung geführt. Was blieb nach dem Abzug von diesen Forts übrig?  Nicht wirklich viel. Es fand eine Umnutzung der Kasernen statt, die von Volksgruppen übernommen wurden, die sich auch durch eine gesellschaftliche Segregation auszeichnen – von „little Canada“ zu „klein Istanbul“. Übrig geblieben sind ein paar Totempfähle und Erinnerungssteine an den damaligen Standorten. Auch bliebe ca 1.000 Tote in Deutschland, was durch die hohe Verlustzahl der „Starfighter“ bedingt wurde und durch anderweitige familiären Zusammenhänge. Insofern sind neue Verbindungslinien geschaffen worden zum Sehnsuchtsort Deutschland, weil die Gräber noch besucht werden. Letztendlich sind auch die 40.000 Kinder, die in den 40 Jahren geboren worden sind Erinnerungszeugen dieser Zeit und werden das Herzensgefühl Deutschland mit in die Canadischen Militärbasen nehmen, oder in die neuen lebensweltlichen Zusammenhänge jenseits des großen Teichs.  Mutatis mutandis wurden die Lebensorte oftmals umgewandelt in Gewerbegebiete, sonstige Nutzräume, oder schlichtweg von der Natur zurückerobert. Das unverbrüchliche Gedächtnis in der mentalen Erinnerungslandschaft sowohl in der BRD, als auch in Canada, sind die Geschichten und stories, die im transgenerationalen überliefern Erinnerungslandschaften entstehen lassen.

Die deutschlandweit bekannte Trauerbegleiterin Chris Paul aus Düsseldorf hat in einem Tagesworkshop in Hamburg im März über das Thema Kriegs-Trauma-Weitergabe zwischen den Generationen mit Seelsorgern und Trauerbegleitern gearbeitet. Das von Sabine Bode beschriebene Phänomen Kriegsenkel hat für diesen Betrachtungshorizont die Grundlage geschaffen. Kriegstraumata wandeln die Gesellschaft durch die Weitergabe der Geschichten an die nächsten Generationen und beeinflussen das Weltgefühl und den umwehenden Weltgeist. Ankerpunkte für Trauerenergien und für die Erinnerung zu schaffen, mit der man seine Wurzeln spüren kann, und seien es auch nur Kriegerdenkmale, sind im Sinne von erlösten Trauerprozessen wichtig – siehe oben. Sehnsuchtsorte sind immer schöne Welten, deren fiktionale Projektion nicht immer in der Realität zurückgebunden wird. In der Erinnerungsarbeit mit Trauergruppen werden Vergangenheitsmomente oftmals idealisiert, um den Verlustschmerz deutlicher auflodern zu lassen. Vielleicht ist es auch ein Wesen der menschlichen Psyche sich im ständigen Veränderungsprozess neu zu definieren, und damit bodenständige, gleichbleibende Seinsorte als schön zu empfinden. Insbesondere dann, wenn sie in der Vergangenheit liegen und wenn es eine Rückkehr in diesen Sinnzusammenhang – kalter Krieg – nicht mehr gibt. Cicero schreibt: „Wer nicht weiß, was vor der eigenen Geburt geschehen ist, wird immer ein Kind bleiben.“ . Insofern sollten auf jeden Falle Kriegsorte zu Gedächtnisorten werden, nicht nur im Sinne der mahnenden Friedensarbeit, sondern auch für die Identitätsfindung und Festigung im Fluß der Zeitenströme.

Erinnerungskultur Canadische Soldaten

Der  Historiker und Kurator Thomas Irmer aus  Berlin berichtete über neue Ausstellungskonzepte zur  NS-Zwangsarbeit in Berlin –Erinnerung in der ehemaligen Rüstungsmetropole. 500.000 Zwangsarbeiter waren in der Berliner Betrieben, auch Rüstungsbetrieben zwangsverpflichtet. Aus einer Bürgerrechtsbewegung erwuchsen kleine Erinnerungsorte, basierend auf den Geschichtswerkstätten, die in den 80er Jahren des 20.Jahrhunderts überall in der BRD ein geerdetes, mikroorientiertes Geschichtsbewußtsein und Forschungsinteresse formulierten. „Der Tagesspiegel“ aus Berlin war auch Teil dieser neuen Bewegung, in dem Seitenweise über stadtteilbezogene Geschichten aus der NAZI-Zeit berichtet wurde. Diese Bewegung startete erst in den 90er Jahren. Damit wurde der Erinnerungsprozess neu initiiert. Recht spannend das Beispiel des Arbeitshauses in Rummelsberg, dass schon eine jahrzehntelange Tradition als Zwangsarbeiterlager hatte, gegründet 1872 und dann nach dem 2. Weltkrieg als Gefängnis genutzt wurde. Die NAZI-Führungskräfte ließen sich von dem Zwangsarbeitern Bunker in ihren Privatgärten bauen. In Tempelhof wurden Zwangsarbeiter für die Flugzeugproduktion eingesetzt und große Konzerne unterhielten „jüdische Abteilungen“. Um dies Erinnerungsorte neu erlebbar zu machen, hat Thomas Irmer eine Zeitzeugen-App für Smartphones ersonnen und programmieren lassen, die Originalstimmen transportiert und mit dem Navigationssystem des Smartphones können Erinnerungsorte auch dann plastisch aufgezeigt werden, die von der Oberfläche der Betrachtung sich als solche gar nicht ausweisen. Im Pausengespräch erklärte mir Thomas Irmer, dass genau wie in Hamburg die Zwangsarbeiter auch zur Trümmerbeseitigung eingesetzt worden sind. Ganz speziell, perfide ist auch der Einsatz als Bombenentschärfungskommando. Dieser Einsatz war beliebt, weil die SS-Bewacher sich aus der Natur der Sache ergebend fern hielten und die Gefangenen einen minimalen Freiraum erhielten und z.B. nach Essen suchen konnten. Gleichzeitig spielte man tagtäglich mit seinem Leben. Auch interessant ist die unverbrüchliche Nutzung des Europahauses, dass in der Zeit des dritten Reiches Hauptsitz der Sonderbehörde zur Organisation der Zwangsarbeit war. Heute zeigt nicht die kleinste Hinweistafel auf den historischen Bezug dieser Gebäudeeinheit.

Auf den modernen Friedhöfen gibt es auch eine Überlegung, über QR-Codes eine Verlinkung zu Gedenkseiten des Verstorbenen zu erschaffen. Damit könnte man die Vita betrachten, und die Werke, die in dieser Welt hinterlassen worden sind. Technisch ist das Verfahren ausgereift und der Ohlsdorfer Friedhof hätte grundsätzlich gegen das Anbringen solcher Erinnerungs- und Verweiszeichen nichts einzuwenden. Dennoch hat sich diese Option im Zusammenhang mit privaten Familiengrabstätten noch nicht durchgesetzt. Viele Menschen wünschen sich, zumindest in der Erinnerung, in dieser Welt weiterleben zu können. Bei Interesse fragen Sie gern beim GBI nach.

Irmer Berlin

Die Yale-University Absolventin Akiko Takenaka, doziert jetzt an der University of Kentucky als Assistant Professor, Lexington und, sprach zu folgendem Thema Ruins for Peace: Architectural Survivors of Hiroshima and Nagasaki. Erschreckend, wie in Hiroshima der Atomic Bomb Dome für eine süßliche, abenteuerliche Lightshow genutzt wurde.

Geschmacksfragen an Erinnerungsorten sind natürlich immer schwer zu entscheiden. Auf den Deutschen und Hamburger Friedhöfen schützen davor die dezidierten Friedhofsordnungen, die einen kreativen und gestalterischen Wildwuchs gänzlich verhindern.

Yale University  Erinnerungskultur in japan atmomic bomb

Extrem spannend war der Vortrag zweier Osnabrücker Forscher: Prof Christoph Rass/Andreas Stele, Uni Osnabrück: ›Flüchtige‹ Schlachtfelder als Kriegslandschaften entschlüsseln. Interdisziplinäre Ansätze zwischen Magnetometrie, Archäologie und Geschichtswissenschaft. Anhand des Beispiels einer Schlacht zwischen US-Amerikanern und den Deutschen wurden sowohl Geschichtsschreibungsmythen noch einmal neu beleuchtet und die Transformation von Wahrheit in plausible Fiktion, damit der Erzählende das Gesicht wahren konnte. Faktisch wurden am Ende des 2. Weltkriegs erbitterte Kämpfe um 2 Dörfer geführt, die 2 Divisionen der Amerikaner fast scheitern ließen. Die Berichte des einen Bataillons erzählen von einem Rückzugsbefehl, den es faktisch nie gab. Die andere Truppeneinheit berichtete, dass sich die Nachbartruppe so schlecht positioniert hat, und Panzer in großer Zahl gekommen seien, so dass man zum Rückzug gezwungen geworden sei. Interessanter Weise gab es gar keine deutschen Panzerverbände zu der Zeit und an dem Ort. Mit naturwissenschaftlichen Methoden hinterfragen die Historiker die Erzählstrukturen und blenden die verschiedenen Arbeitsergebnisse übereinander, bis dann des Pudels Kern aufleuchtet – die Wahrheit.  Mit der Magnetometrie kann man Bodenstrukturen nicht invasiv sondieren und Verformungen durch Energie,wie Feuer nachweisen. Die Methode ist so feinsinnig, dass auch Raubgrabungen aufgezeigt werden können.

Geschichtsschreibung im Kleinen und Individuellen wird durch die sogenannte time-life-Arbeit durchgeführt. Man begibt sich in Erinnerungsbahnen und manchmal sehen wir einen roten Faden im Leben, der sich erst durch die reflexive Rückwärtsbetrachtung erkennen lässt. So manche Menschen investieren gerne in aussichtslose Projekte und verkennen dann am Ende des Tages ( Lebens), dass das ein Teil ihrer Basalstruktur ist, sozusagen ihre Lebensmelodie ausgemacht hat.  Ein sehr schöner, selbst zu schöpfender Erinnerungsankerpunkt ist das Buch „Du erzähl mal“. ‚Es besteht im Wesentlichen aus leeren Seiten und einem thematischen Rahmen, der den Schreibenden durch seine eigenen Lebensepochen leiten soll. Wenn man schon keine Lebensbiographie als filmisches Dokument schaffen möchte, so sollte man sich für die Zeugenschaft seiner eigenen Familie und deren Wurzelbezüge die Zeit zum Schreiben dieses Büchleins nehmen.

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Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Susanne Ude-Koeller,  der Uni Nürnberg berichtet über : Kriegsgräberstätten des Ersten Weltkrieges – Akteure, Gestaltung, Deutungsmuster.  Die Kriegsfriedhöfe sind Sinnstiftungsgeneratoren. Kriegstote sollen an den Orten ihres Todes bestattet werden. Letztendlich hätte die Überführung in die Heimat auch die logistischen Mittel überfordert. Frau Köller nennt das Allokation der knappen Mittel. 1917 kam ein Ratgeber für Kriegsgräber heraus. Es gab spezielle Offiziere für die Gräberverwaltung. Der Fokus der Grabanlagen, insbesondere auch der Gemeinschaftsgräber war nicht etwa die Familie, sondern die Kameraden. Die Einzelgräber wurden gesteuert zu Sammelgrabstätten und damit Gedenkorten zusammengefaßt. Es gab auch Vorschriften, wie Einzelgräber zu bestellen seien, mit dem Stahlhelm am Kreuz.

Aus der Ankündigung des Symposiums:

Kriegslandschaften
Gewalt, Zerstörung und Erinnerung (19.-21. Jh.)
Tagung vom 27. bis 29. März 2015 in Hamburg

Veranstalter:
Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie und Historisches Seminar (Universität Hamburg)
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Landesverband Hamburg
Kriege haben – bedingt durch den Einsatz von Waffengewalt, aber auch durch militärische Bauwerke sowie
organisierte Formen von Erinnerungskultur – vielfältige Spuren im städtischen und ländlichen Raum hinterlassen.
Dazu zählen nicht nur Schlachtfelder, Bombenschäden und Wracks, sondern auch Gräben, Stellungen,
Bunker, Forts und andere Befestigungsanlagen sowie Baracken für Flüchtlinge und ZwangsarbeiterInnen,
Memorials und Bestattungsplätze. Auf diese Weise sind vielfältige »Gedächtnislandschaften« entstanden, die
mit ihren Relikten und Artefakten zahlreiche Indizien bieten, wie stark die zerstörerische Wirkung von Kriegen
sich bis heute im Raum materialisiert hat und sichtbar geblieben ist.
Die Tagung verfolgt dabei das Ziel, insbesondere diese Wechselwirkungen zwischen Krieg, Landschaft und
Gedächtnis in ihren kulturellen, historischen und gesellschaftspolitischen Potenzialen auszuloten. Im Mittelpunkt
der Diskussionen stehen die kulturellen Strategien im Umgang mit der Materialität des europäischen und
außereuropäischen Gedächtnisraumes vom 19. bis zum 21. Jahrhundert.

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