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„Unvergessen“ – Fotoausstellung im Bestattungsforum Ohlsdorf

„Lass mich, ich zerfalle zu Staub, geh zur Seite, ich stehe in Flammen“

Die Fotografin Marion Losse stellt im Bestattungsforum Ohlsdorf Bilder vor, die auf dem großen Ohlsdorfer Friedhof, der 400 Hektar Fläche umfasst, erarbeitet wurden . Der NDR schreibt: „Der Ohlsdorfer Friedhof in ungewöhnlichen Perspektiven: Die Hamburger Fotografin Marion Losse zeigt in ihrer Ausstellung nicht nur ganz spezielle Bilder des Parkfriedhofes. Sie hat dafür auch mit Menschen gesprochen, die Verluste erlitten haben und kleine Ich-Erzählungen eingefangen. So ist mehr als eine reine Foto-Ausstellung entstanden. „Unvergessen“ ist eine sorgsam zusammengestellte Sammlung aus Bildern, Prosa, Lyrik und biografischen Berichten rund um Hamburgs berühmtesten Friedhof und die Themen Verlust, Abschied und Trauer“

Über zwei Jahre hat die Fotografin sich Zeit genommen, weil es ihr Anliegen war, den Friedhof als lebenden Ort der Erinnerung wahrzunehmen. Wichtig war  im Kreislauf der immerwährenden Jahreszeiten die unterschiedlichste Bildmotive und Wärmegrade spiegeln zu lassen. Die Aufnahmen werden präsentiert im Untergeschoss des Bestattungsforums, dass direkt neben den S-Bahnbrücken liegt. Leider hat sich bisher noch kein Verlag gefunden aus den Fotoarbeiten ein Buch zu machen. Bei der Vernissage am 8.3.2015 versammelten sich 40 Interessierte, trotz des strahlenden Frühlingssonnenscheins und lauschten den Texten, die sich rund um das Thema Tod und Erinnerungswege rankten.Von Seiten des Friedhof Ohlsdorf leitete die Ausstellung Frau Dr. Scherres ein. Frau Wiebke vom Friedhof sorgte für ein gutes Ambiente.Der Dichter Schiller spielte eine Rolle bei der  Gestaltung  der Ausstellung und der Vitrinen – als Inspirationsquelle für den Gedankenraum Tod, Abschied und Vergänglichkeit . Die Schauspielerin Karime Vakilzadeh las aus einer Reihe von herzbewegenden, dichten Texten, die uns alle erfaßten in Ihrer Tiefe, Schwere und Traurigkeit. Folgend hier ein paar zusammenfassende, subjekte Gedankenauszüge: (die Klammerbemerkungen sind nicht Teil des Vortrags gewesen)

1) Renate Eder: meine Mutter bekam kaum Luft, der Arzt sagte „alles wird gut“,  ich wusste,  dass es zu Ende ginge. Auf der Intentsivstation im Krankenhaus atmeten die Schläuche meine Mutter, die dann – dadurch -nicht mehr sprechen konnte. Das Ende – ich wollte es nicht wahrhaben-  sie wird dich verlassen – Verabschiedung – Kuss – ich wandte mich ab und fuhr nach Hause- 10 min später am Telephon – der Tod, ich wollte in Aktionismus verfallen und merkte alsbald: es ist umsonst, denn die Endlichkeit hatte ihren Sieg davongetragen. Ich war kein Kind mehr – ich war nun ganz alleine auf mich selbst gestellt.( Ein Sinnspruch eines Hamburger Chirurgen war : „erst wenn Deine Eltern gestorben sind, bist du erwachsen“)

2) TOM-TOM: Nicht alle Herzen sind heilbar – Tom-Tom ist tot. Er hat sich vom Geomatikum gestürzt – mein Herz versteht irgendwas – aber nicht in Gänze und Tiefe was vor sich ging.  Er trug immer Vollbart  und eine tiefe Furche in seinem Gesicht zuckte, wenn er von seinem Vater sprach. Stehen und Springen – 85 Meter in Tiefe mit der Garantie auf Endlichkeit -TomTom – nichts ist, wie es vorher war. 16 Leute waren wir in unserer Stundenten-Kommunität. Tom-Tom war der  „Bastelkönig“ und immer mit dabei – er fehlte nie und mit  Christel zusammen… unbeschwert jung u wild, wir haben viel gefeiert und zusammen diskutiert – die Nächte durch. (Wozu ist das Leben gut? Live is for deep kisses, strange adventures, midnight swims and rambling conversations). Irgendwann habe ich mich dann ganz meinem Schauspielstudium gewidmet, die Abschlussprüfung gemacht und die Zeit in die Vergangenheit rauschen lassen. Ich könnte zur Beerdigung gehen, aber ich kann nicht. Christel ging in den USA zum Forschen und blieb dann dort-  allein. Was zeichnete unser Verbindung aus?   Dick befreundet und gleichzeitig gekannt haben wir uns kaum….eine seltsame Verbindung, die mich jetzt ein wenig in befremdliches Erschrecken stürzt. Wir waren alle um die 20 und nun hat Tom-Tom seiner Lebensperspektive mit 25 Jahren jede Welterfahrungsmöglichkeit genommen – für immer und für ewig. ( Der NDR Autor Ulrich Schnabel schreibt: „Doch man kann es mit dem Grübeln auch übertreiben. Denn das bewusste Denken folgt meist nur den bekannten, ausgetretenen Pfaden. Wer auf diese Weise allzu verbissen nach der Lösung sucht, würgt häufig seine Kreativität regelrecht ab – dann 6 wird es Zeit, das Hirn zu lüften und sich der unbewussten Weisheit des Leerlaufs zu überlassen. Deshalb rät der Hirnforscher Gerhard Roth: „Setzen Sie sich erst bewusstrational mit den Argumenten auseinander, aber vertagen sie die Entscheidung. Lenken Sie sich ab, schlafen Sie drüber. Die vorbewussten, intuitiven Netzwerke in Ihrer Großhirnrinde erledigen den Job für Sie“. Wenn Sie also einmal das Gefühl haben, nicht mehr aus noch ein zu wissen, sich geistig erschöpft fühlen oder nicht wissen, was Sie mit Ihrer freien Zeit anfangen sollen – gehen Sie einfach los und lassen Sie die Gedanken schweifen! Wer weiß, welche Einsichten Ihnen Ihr Unterbewusstsein dabei an die Oberfläche spült?“ Schon seltsam, wie sehr man in scheinbare Ausweglosigkeit geraten kann und doch ist die nachhaltige Empfehlung sich professionellen ärztlichen Rat zu holen, denn Liebeskummer als Grund für Suizid macht deutlich, dass man die Schönheit und Liebe des Lebens in dieser Welt nicht begriffen hat. Leider leben wir nicht in einer immerwährenden Konstanz und die Kernessenz des Lebens ist die Veränderung, ob freiwillig entschieden oder unfreiwillig entschieden worden.)

3)Erich Fried: ausatmen- einatmen – Weinen können- das wäre schon fast wieder Glück

Aufhebung

Sein Unglück
ausatmen können

tief ausatmen so dass man wieder einatmen kann

Und vielleicht auch sein Unglück
sagen können in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte

Und weinen können

das wäre schon fast wieder Glück

(Aus der Trauerbegleitung wissen wir, dank Prof. Verena Kast,  dass es vier Trauerphasen gibt. Die erste Phase kennzeichnet eine Gefühlsabkopplung, ein reines „technisches Funktionieren“. Für den Prozess von Verlustverarbeitung ist dieser Weg sehr hilfreich und geht zurück auf das archaische Gehirn, das in der Steinzeit dafür zuständig war in Gefahrensituationen unser Überleben zu sichern. In Lebensgefahr sind Gefühle zunächst einmal nachgeordnet wichtig, auch wenn sie unseren Seins-Kosmos gänzlich zu überschwemmen scheinen – das kommt dann in den folgenden Trauerphasen. Die Gehirnphysiologie kann in der Notsituation die Gefühle zunächst einmal kaltstellen, um das „Überleben“ zu sichern. ( Dr. med. Andreas Krüger, „Powerbook, erste Hilfe für die Seele“)

4)  Dettmar hat alles so intensiv gemacht, als ob er geahnt hat, dass er nicht so viel Zeit auf dieser Erde verbringen dürfte. Ich habe den Zeitpunkt verschlafen, vorher wilde Träume um den Tod gehabt. Ich habe schlichtweg den  Autounfall verschlafen. Nach 7 Jahre begann ich das erstemal was  zu Fühlen. In etwa  – ein Luftzug streichelte meine Wange. Dettmar wurde bei einem Autounfall ganz in der Nähe unseres Hauses getötet – mit 18 Jahren. Meine Trauer ist unfassbar und wird nie versiegen.

5) Heinrich Heine: „Unter weißen Bäume sitzend“

Heinrich Heine
(1797-1856)

Unterm weißen Baume sitzend,
Hörst du fern die Winde schrillen,
Siehst, wie oben stumme Wolken
Sich in Nebeldecken hüllen;

Siehst, wie unten ausgestorben
Wald und Flur, wie kahl geschoren;
Um dich Winter, in dir Winter,
Und dein Herz ist eingefroren.

Plötzlich fallen auf dich nieder
Weiße Flocken, und verdrossen
Meinst du schon, mit Schneegestöber
Hab der Baum dich übergossen.

Doch es ist kein Schneegestöber,
Merkst es bald mit freudgem Schrecken;
Duftge Frühlingsblüten sind es,
Die dich necken und bedecken.

Welch ein schauersüßer Zauber!
Winter wandelt sich in Maie,
Schnee verwandelt sich in Blüten,
Und dein Herz es liebt aufs neue.

6) 12 Jahre Zeit in Gemeinsamkeit – duftige Frühlingsblumen – Ich war sein Mann unsere Liebe zur Kultur haben wir geliebt -12 Jahre. Freitag 8 30 Uhr – abwinken, leichte Erkältung, er weigerte sich zum Arzt zu gehen und ich verpflichtete ihn am Montag einen Arzt aufzusuchen.  Freitag 18:30 Uhr: schwer schleppend öffnete ich die Tür- die Post verstopfte die Schwingungstiefe der Tür. Das  Bett war  leer. Er lag neben dem Bett, den Arm angewinkelt, wie man es sich bequem macht, um zu schlafen. Irgendwie surreal auf dem Fußboden zu schlafen. Der Körper war noch warm. Der Notarzt kam schnell und sie schickten mich raus, um ihn zurückzuholen. Aber es hat nicht geklappt. Der  Herzmuskel war schwerst angegriffen und  Lutz hat es nicht überlebt, so stieg es mir nebelgleich langsam ins Bewusstsein. In solchen Fällen kommt der Bestatter erst deutlich später, damit wir Angehörigen Zeit zum Abschiednehmen haben. Ich war allein mit der Leiche. Kerzenlicht umschwebte meine Seele,  Totengesänge die ganze Zeit, das Requiem von Mozart. Ich  kann nichts verändern nach 2 Jahren, finde keinen Platz für ihn und muss nun selbst einen neuer Platz in meinen Leben finden.

7) von einer Nazi-Gefangenen, die zum Tode verurteilt worden ist – ein letzter Brief an die 4 jährige Tochter aus der Todeszelle herausgeschrieben. Die Gefangene gehörte der Widerstandsorganisation „Rote Kapelle“ an und wurde in Plötzensee hingerichtet. „Sei tüchtig u fleißig,  lerne,  warte, eh du deine ganze Liebe verschenkst, damit du nicht  zu sehr, arg enttäuscht werden wirst. Solltest du Kinder haben denkst du an mich vielleicht einen kleinen Augenblick, wenn es geboren wurde. Wenn man sterben muss tut einem jedes böse Wort leid, dass man zu guten Menschen gesagt hat.  Sei froh -ich küsse DICH mit größter Liebe…………..

8)an dich meine Anna Gefängniszelle 411,  Nazi-Gefängnis: „mein kleines Mädchen zum Tode verurteilt mein Abgesang zu recht früher Zeit. Du, 20 jähriges Mädchen, wir segelten auf dem wilden Meer. Eben so leicht, wie wir damals segelten, solltest du  weitergehen und die Erinnerung an das UNS lassen, –  es strahlt meine goldene Erinnerung keine Schwermut. Ich bin ruhig. Die Natur ist so reich, ich sehe den Reichtum, der noch lebt außer meiner kleinen, unbedeutenden Seele im Lichte der gesamten Welt.  Das Meer das uns beide umhüllt hat, treibt mir die Tränen ins Herz und es bricht. Bleib lebendig warmherzig lebt kein Verlust und bewahre dir das, was ich an Dir immer am meisten geschätzt habe: deine Weiblichkeit. Jeder Schmerz verwandelt sich in Glück. Nach dem Schmerz folgte die unergründliche, urgründige Tiefe. Nach der Tiefe folgt die  Frucht des Lebens: Weisheit und Reinheit. Lebe wohl und intensiv….

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Die Fotografien beeindrucken durch eine besondere Konzentration auf das Wesentliche, eine Fokussierung auf Details, die uns sonst im Rauschen der schnelllebigen Welt durch die Finger zu gleiten scheinen, oder schlichtweg vom Filter der subjektiven Wahrnehmung gar nicht in unser Bewußtsein gelassen werden. Das besonder der Fotografie ist Zeit einzufrieren, ebenso wie die Vergangenheit eingefroren zu sein scheint. Immerhin ist die Vergangenheit im Zeitfluß ein wichtiger Teil unseres Lebens und das Ziel der Trauerbegleitung ist nicht die Vergangenheit zu vergessen, sondern als Lebensschatz mit sich im Herzen zu tragen. Stilistisches Merkmal dieser Arbeiten ist die Gegenüberstellung von zwei Bildmotiven, die eine Gedankenverbindung ermöglichen und so der Phantasie eine neue Ebene eröffnen, auch durch die eingedruckten Texte. Der Eintritt ist kostenlos und das Bestattungsforum auf dem Friedhof Ohlsdorf fast immer geöffnet, zumindest in den Öffnungszeiten des Friedhofs ist eine Besichtigung unkompliziert möglich.

Die Ausstellung wurde unterstützt durch die Urnendesignerin Bettina Ultizka, die durch ihre Herzurnen in Deutschland bekannt wurde und nunmehr schon 7 Jahre die Menschen mit ihren Urnen-Kreationen erfreut. Das GBI verfügt auch über verschienden Herzurnen in unterschiedlichen Farben. Von weißen Stoffbändern umgarnt, oder von Violetten. Zur Zeit arbeitet sie an Tierurnen, die erneut eine neue thematische Konzeption erfordern und naturbedingt ein wenig kleiner sind. Das GBI bietet als Vermittler auch Tierbestattungen an.

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